Verantwortliche Person nach GPSR: Ein Leitfaden für Nicht-EU-Shopify-Händler
Wer seinen Sitz in den USA, Großbritannien oder China hat und physische Produkte über Shopify an EU-Verbraucher verkauft, braucht nach der GPSR eine in der EU niedergelassene verantwortliche Person. Ohne EU-Präsenz kein legaler Verkauf. Das ist nicht optional — und Marktplätze wie Amazon listen bereits Produkte aus, die diese Information nicht enthalten. Hier erfährst du genau, wie die Anforderung an die verantwortliche Person funktioniert, wer in der Hierarchie wo steht, welche Pflichten diese Person hat und wie du sie bestellst.
Die Artikel-16-Hierarchie: Vier Stufen, feste Reihenfolge
Artikel 16 der GPSR (EU 2023/988), zusammen mit Artikel 4 Absätze 2 und 3 der Marktüberwachungsverordnung (EU 2019/1020), etabliert eine Kaskade. Die erste Person in dieser Kette, die innerhalb der EU niedergelassen ist, wird zur verantwortlichen Person. Es gibt keine Wahlmöglichkeit — die Hierarchie ist fest.
Stufe 1: EU-Hersteller. Wer seine Produkte innerhalb der EU herstellt, ist automatisch die verantwortliche Person. Keine Bestellung notwendig.
Stufe 2: Bevollmächtigter (Authorised Representative). Ein Nicht-EU-Hersteller kann durch schriftliches Mandat eine in der EU niedergelassene natürliche oder juristische Person als Bevollmächtigten bestellen. Das ist der häufigste Weg für Nicht-EU-Shopify-Händler im B2C-Geschäft.
Stufe 3: Einführer (Importeur). Wenn der Hersteller außerhalb der EU sitzt und keinen Bevollmächtigten bestellt hat, wird der EU-Importeur — also die Person, die die Ware in den EU-Binnenmarkt einführt — automatisch zur verantwortlichen Person.
Stufe 4: Fulfillment-Dienstleister. Nur als letztes Mittel: Wenn weder Hersteller, Bevollmächtigter noch Importeur in der EU niedergelassen sind, übernimmt der Fulfillment-Dienstleister die Rolle.
Die Hierarchie löst sich auf der höchsten anwendbaren Stufe auf. Ein EU-Importeur muss keinen zusätzlichen Bevollmächtigten bestellen — der Importeur erfüllt die Anforderung bereits. Die FAQ der EU-Kommission bestätigt explizit: „Wenn Sie ein EU-Hersteller oder Importeur sind, müssen Sie keinen Bevollmächtigten bestellen."
Was die verantwortliche Person tatsächlich tun muss
Die Rolle bringt echte Pflichten mit sich — nicht nur einen Namen auf dem Etikett. Nach Artikel 16 Absatz 2 muss die verantwortliche Person:
Überprüfen, dass technische Unterlagen existieren. Der Hersteller ist für die Erstellung verantwortlich, aber die verantwortliche Person muss bestätigen, dass die Dokumentation — einschließlich Risikoanalyse, anwendbarer Normen, Produktbeschreibungen und wesentlicher Merkmale — erstellt wurde.
Korrekte Kennzeichnung sicherstellen. Produkte müssen den Namen, die Postanschrift und die elektronische Adresse des Herstellers tragen, plus eine Typen-, Chargen- oder Seriennummer. Name, Anschrift und elektronische Kontaktdaten der verantwortlichen Person müssen ebenfalls auf dem Produkt, seiner Verpackung oder einem Begleitdokument erscheinen.
Unterlagen mindestens 10 Jahre aufbewahren. Die technische Dokumentation muss gespeichert und auf Anfrage den Marktüberwachungsbehörden vorgelegt werden können.
Mit Marktüberwachungsbehörden zusammenarbeiten. Wenn Behörden Informationen oder Dokumentation anfordern, muss die verantwortliche Person antworten. Bei gefährlichen Produkten muss sie proaktiv die zuständige nationale Behörde informieren und Korrekturmaßnahmen ergreifen.
Schwere Vorfälle melden. Unfälle mit Todesfolge oder schweren gesundheitlichen Auswirkungen müssen innerhalb von zwei Arbeitstagen über das EU Safety Business Gateway gemeldet werden.
Importeur vs. Bevollmächtigter: Was brauchst du?
Diese Unterscheidung verwirrt viele Händler. Hier eine klare Aufschlüsselung nach Szenario:
Du verkaufst B2B an einen EU-Käufer, der deine Produkte weiterverkauft. Dieser Käufer ist der Importeur und damit die verantwortliche Person. Du brauchst keinen Bevollmächtigten — die Hierarchie ist auf Stufe 3 erfüllt.
Du verkaufst B2C direkt an EU-Verbraucher über deinen Shopify-Shop und versendest von außerhalb der EU. Es gibt keinen Importeur in der Kette. Du musst einen EU-Bevollmächtigten bestellen (Stufe 2). Das gilt gleichermaßen für US-, UK- und chinesische Verkäufer.
Du nutzt Amazon FBA mit EU-Lagern. Amazon lagert und versendet deine Produkte aus EU-Fulfillment-Centern. Theoretisch ist Amazon ein Fulfillment-Dienstleister und könnte die verantwortliche Person auf Stufe 4 werden. In der Praxis hat Amazon die Übernahme der RP-Rolle ausdrücklich abgelehnt und verlangt, dass Verkäufer ihren eigenen Bevollmächtigten bestellen.
Du bist ein britisches Unternehmen nach dem Brexit. Das UK ist nicht in der EU. Wenn du direkt an EU-Verbraucher verkaufst, brauchst du einen EU-Bevollmächtigten. Ausnahme: Wenn du eine Niederlassung in Nordirland hast (das unter dem Windsor Framework im Anwendungsbereich der GPSR bleibt), kann diese als verantwortliche Person dienen.
Wie du einen Bevollmächtigten bestellst
Der Prozess ist unkompliziert, muss aber korrekt dokumentiert werden.
Erstens: Wähle eine in der EU niedergelassene Person oder Organisation als Bevollmächtigten. Das kann ein spezialisiertes Compliance-Unternehmen oder jede andere natürliche oder juristische Person in der EU sein. Die Kosten liegen typischerweise zwischen 250 Euro für eine Basisvertretung und 1.000+ Euro für umfassende Pakete mit Dokumentationsprüfung und Kennzeichnungsberatung.
Zweitens: Erstelle ein schriftliches Mandat — vorgeschrieben nach Artikel 10. Das Dokument muss Hersteller und Bevollmächtigten identifizieren, die Aufgaben des Bevollmächtigten festlegen, den Produktumfang definieren und die Laufzeit des Mandats angeben.
Drittens: Aktualisiere deine Produktkennzeichnung und Online-Angebote. Name, Postanschrift und elektronische Adresse der verantwortlichen Person müssen auf jedem Produkt, seiner Verpackung oder einem Begleitdokument erscheinen — und auf jeder Online-Produktseite gemäß Artikel 19.
Viertens: Übermittle die technische Dokumentation. Dein Bevollmächtigter braucht Zugang zu Prüfberichten, Risikoanalysen und Compliance-Dokumenten, damit er auf Behördenanfragen reagieren und die 10-Jahres-Aufbewahrungspflicht erfüllen kann.
Was das für Shopify-Händler bedeutet
Die Durchsetzungsrealität auf Marktplätzen macht das dringend. Amazon entfernt seit Dezember 2024 aktiv nicht-konforme Angebote. eBay hat dedizierte GPSR-Compliance-Felder in seine Seller-Tools integriert. Händler, die ihre Angaben zur verantwortlichen Person nicht rechtzeitig hatten, verloren Wochen an Verkäufen während der Weihnachtszeit 2024–2025.
Auf Shopify musst du Informationen zur verantwortlichen Person auf jeder Produktseite anzeigen. Shopify bietet kein natives GPSR-Dashboard — das bedeutet entweder manuelle Bearbeitung von Produktbeschreibungen und Metafields oder eine dedizierte App. Bei Shops mit großen Katalogen ist die manuelle Aktualisierung unpraktisch — 500 Produkte brauchen 500 aktualisierte Angebote mit identischen RP-Daten.
Fazit: Die verantwortliche Person ist dein EU-Marktzugang
Ohne eine in der EU niedergelassene verantwortliche Person kannst du keine Verbraucherprodukte an EU-Käufer verkaufen. Die Hierarchie nach Artikel 16 ist klar, die Pflichten sind definiert, und die Durchsetzung über Marketplace-Delistings und Zollkontrollen ist bereits aktiv.
SWEDevs GPSR Compliance Hub ermöglicht es dir, Angaben zur verantwortlichen Person, Herstellerinformationen und Produktsicherheitsdaten über deinen gesamten Shopify-Katalog zu verwalten und anzuzeigen. Einen umfassenden Überblick über die GPSR findest du in unserem vollständigen GPSR-Compliance-Leitfaden für Shopify.
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